Archiv der Kategorie: FAZ & Co

Verdummung an der Oberfläche

Heute widmet das FAZ Feuilleton sich ja mal wieder dem Internet und der Herr Rieger vom CCC darf die Hälfte der ersten Seite gestalten (Artikel nur für Abonnenten zugänglich). Ist ja ok. Gestern hat die CCC-Sprecherin auch die erste Feuilleton-Seite gehabt und eine kleine Hacker-Ethik Vorlesung halten dürfen. Auch ok.

In dem heutigen Artikel geht es um die Verkehrsdatenanalyse und eine Darstellung der Analyse- und Auswertungsmöglichkeiten, die sich in Zusammenhang mit Vorratsdatenspeicherung ergeben. Rieger spannt dabei den Bogen von militärischen Abhörmethoden aus dem ersten Weltkrieg bis hin zu heutigen Analysen des Kommunikationsverhaltens durch Polizeibehörden.

Zwei Dinge gehen mir dabei zunehmend auf die Nerven… Weiterlesen

Axolotl Roadkill: manirierter Scheiss

Irgendwie macht mich die Diskussion um das Buch und die Frau depressiv. Da ist zum einen die – wie ich jetzt denke – fast schon debil euphorische Besprechung von Maxim Biller in der Sonntags-FAZ. Dann natürlich der ganze Medien-Hype. Dann die Kopier-Geschichte. Auftritte bei Harald-Schmidt. Wäre alles zu ermüdend zu kommentieren.

Habe direkt nach der Biller-Lektüre das Buch bestellt (ja ich gebe es zu). Übrigens seltsam, dass die jammernde Print-Industrie das noch nicht als Einnahmequelle entdeckt hat – anderes Thema.

Was mich seitdem wundert ist, dass nicht einer mal sagt was für ein nerviger Scheiss dieses Buch ist.

„Dafür hatte ich plötzlich einen Schwanz aus Pappe, der aber nur zweidimensional war, genau wie das Kondom, das ich drüberziehen wollte. Das ging natürlich nicht. Ende.“

Treffender kann man es nicht beschreiben. Zweidimensional, vorhersehbar, schematisch. Das ganze ich leb so ein total schockerhaftes Leben Ding. Huuuch – sie hat Drogen gesagt! In dem Club wo sie hingeht gibt es einen Darkroom. Das Zimmer ist unaufgeräumt. Den Vater findet sie doof.

Usw.

Mich nervt diese schlampige, selbstverliebte und letztlich einfach nur manirierte, um Effekt bei den Eltern bemühte Schreibe wie kaum was anderes. Dann lieber die Bäckerblume.

Ach und noch unsäglicher wird das Ganze durch die unfassbar dämliche Debatte um Authentizität oder „Echtheit“ wie sie selbst vom Feuilleton der FAZ aufgegriffen wird. Da wird debattiert ob jetzt Strobo echter ist oder Hegemann. Und natürlich ist das eine Frage literarischer Qualität, klar. Ich könnte so viele nichterlebte grandiose Bücher aufzählen, wo jeder einzelne Satz mehr Leben und Energie enthält als dieser blutleere und gewollte Quatsch von Frau ach erst 16 Hegemann.

Liebe Frau Hegemann, lieber Airen. Diese wahrhaft selbsterlebte Scheisse interessiert mich überhaupt gar nicht. Liebes Feuilleton, wie verzweifelt seid Ihr eigentlich? Muss mann schon nach Reich-Ranicki rufen um wieder Ordnung rein zu bringen? Ach komm.

Schirrmacher, das Ipad und die freie Welt

Der gute Herr Schirrmacher hat sich ja nun auch länglich in seinem Blatt zum Ipad geäussert („Die Politik des Ipad“) – und einer seiner Mitarbeiter hat nochmal nachgelegt („Das Ipad ist nur eine Fernbedienung„). Ist ja dieser Tage auch irgendwie fast geboten Apple runterzuschreiben für seine dreiste Verfehlung und die unfassbare Knechtschaft die von diesem Konzern über uns ausgebracht wird.

Da wird also argumentiert, durch die apps und das restriktive Modell der Belieferung des Ipads über Itunes würde das Internet reglementiert und mit einer kommerziellen Zwangsherrschaft versehen. Ausserdem seien die Apps nur auf Konsum ausgelegt und überhaupt sei auch die Verhinderung von Flash letztlich der Versuch das freie Internet abzuschaffen.

Was mich dabei vor allem wundert, ist die Schwachbrüstigkeit dieser Argumentation, dieses Unvorbereitete, Dahingeworfene. Also etwas was ich von der faz so nicht direkt erwarten würde.

Denn ich halte die aufgestellten Thesen für ziemlichen Bullshit mit Verlaub. Klar ist die app-Kontrolle durch Apple restriktiv und so. Übrigens genauso wie die Buchlizenzpolicy beim Kindle, die Themenauswahl des Wirtschaftsteils der faz und das Vorabendprogramm des ZDF. Und im Vergleich zu den genannten ist die Vielfalt der Iphone-apps ein anarchistischer Zoo.

Aber was ich vor allem nicht nachvollziehen kann ist, warum das Ipad den User wieder zum passiven Medienkonsumenten mit Kreditkartenanschluss degradieren soll der das Gerät nur noch als Fernbedienung nutzen kann. Weil er seinen Content über eine App anstelle eines Browsers bezieht. Und weil das Ding kein Flash kann. Klar.

Ist denn einem der beiden Herren mal aufgefallen, dass einer der grossen Turbos hinter dem partizipativen Web das Iphone ist? Und apps darauf? Welcher Mechanismus bitte macht mich weniger interaktionsfreudig bloss weil ich ein Twittericon aufrufe das mit der Api kommuniziert vs. wenn ich das selbst in den Browser eingebe? Diese These ist doch völlig absurd – vermute da ist ein bisschen eifrige Frankfurter Schule Lektüre noch nicht verdaut.

Ist es nicht vielmehr genau andersherum? Das was mich beim Ipad am meisten fasziniert hat, sind die revolutionären Interaktionsmöglichkeiten bei der Steuerung von iwork. Die, wenn sie nur halbwegs so funktionieren wie in der Präsentation, für alle UX-Designer die Freudentränen in Strömen fliessen lassen werden. Ich glaube viele Leute kommen mit dieser Einfachheit nicht klar und müssen deshalb so eine Fernbedienungsmetapher bemühen. Der Clou ist aber, dass das Gerät evtl. tatsächlich so einfach ist wie eine Ferbedienung aber das Potential hat zu dem Interaktionsgerät im Haushalt schlechthin zu werden. Wohlgemerkt: Interaktionsgerät.

Eigentlich ist es mir ja egal wenn die beiden Autoren sich da ein bisschen verrennen. Aber was mich ärgert ist die Ignoranz die dahinter steckt, dieses fahrige Runterschreiben entlang einfacher Leitplanken anstatt sich auch nur einmal wirklich mit dem Gerät auseinanderzusetzen. Und dann kommt das auch noch mit so einem kulturkritischen Weihrauch-Impetus daher von dem Schirrmacher immer, Mann Mann.

San Francisco bald ganz ohne Tageszeitung?

Wie heute in spon zu lesen steht die einzige noch verbliebene vernünfitge Tageszeitung in SF, der Chronicle offenbar ganz kurz vor dem Aus.

Experiment in San Francisco: Bürger sollen den Zeitungstod stoppen – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Netzwelt.

Das finde ich unfassbar. Irgendwie nimmt diese Print-Krise langsam Ausmasse an die mir nicht mehr geheuer sind. Ich bin damit gross geworden dass man sich über „seine“ Zeitung definiert. Dass es selbstverständlich ist eine Zeitung abonniert zu haben. Dass man Zeitungsartikel im Deutschunterricht rauf und runter bespricht (deshalb habe ich leider bis heute eine Grundabneigung gegen die Süddeutsche wegen 100x Analysen des Streiflichts).

Sollte es wirklich dahin kommen dass grosse Tageszeitungen für immer verschwinden – auch in Deutschland? Ich befürchte davon sind wir auch nicht mehr weit entfernt.

Übringes gehörte zu dem obigen Zeitungs-Emanzipations-Prozess natürlich auch sich von der dämlichen Lokalzeitung irgendwann wegzubewegen zu taz und faz usw. (oder Handelsblatt…). Insofern könnte man sagen ist nicht so schlimm wenn die kleinen Lokalblätter kaputtgehen. Aber 1) habe ich selbst jahrelang den Allgäuer Anzeiger ausgetragen in meinem Heimatort und 2) tut mein Vater dies heute noch und 3) hätte er sonst nichts zu lesen am morgen. Also dürfen auch lokale Zeitungen nicht sterben.

Was mich aber vor allem beschäftigt ist die Frage was danach kommen soll? Kindle? Epaper? Oder Facebook und Konsorten?

Das was eine gute Tageszeitung ausmacht kann nicht mal annähernd durch diese „tools“ ersetzt werden, ich glaube das ist jedem klar.

Absurderweise hat dies meiner Ansicht nach vor allem mit dem störrischen Wesen der Zeitung zu tun im Zeitalter von permanent nach persönlichen Vorlieben vorgefilterter Facebook-Weichspülkost. Die Zeitung lehrt und erzieht und zeigt uns jeden Tag Dinge die wir nicht gesucht und auch nicht geahnt hätten. Sie klärt auf und sorgt für eine Breitensozialisation mit den Schützenvereinen (ja mann winnenden), Sportfesten und Kirchchorvorführungen. Sie geht unerwartet in die Tiefe und schafft es sogar eine Premierenbesprechung die 500km entfernt vor zwei Tagen stattfand lesenswert erscheinen zu lassen. Zeitung ist auch Macht, Gegenmacht und Transparenz, eine ständige Gefahr für Maggelei und Seilschaftentum. An Ihr reibt sich die lokale Intelligenz, die Möchtegernliteraten und Kleinkünstler.

Es darf einfach kein Zeitungssterben geben.

„Targeting“ bei der ISAF – ein ekelhaftes Interview in der FAZ

Meine alltägliche Arbeit hat viel mit Behavioral Targeting zu tun – einer Technik um Leuten Werbung einzublenden passend zu Seiten die sie vorher besucht haben. Wir haben damals mehrfach überlegt ob man so eine friedliche Technik wirklich so nennen sollte weil ja „Targeting“ durchaus auch irgendwie militärischen Beigeschmack hat. Heute habe ich es erstmalig wirklich bereut dass wir es damals dennoch so belassen haben.
Muss nämlich in der FAZ von heute ein ekelhaftes Interview („Auch über Panzer nachdenken“) mit einem feist grinsenden Bruno Kasdorf lesen (das Bild von ihm ist nur in der Print-Version zu sehen) – einem deutschen ISAF-General. Ein Auszug:

„FAZ: Ist das sogenannte Targeting, gezieltes Ausschalten gegnerischer Kämpfer, ein Vorgehen der Isaf wievon OEF?

Kasdorf: Das gibt es in beiden Operationen. Das ist Teil des Targeting, das ist Teil der Operationsführung.

FAZ: Das heisst, dass man es in bestimmten Situationen nicht darauf ankommenlässt, dass man Personen gefangen nimmt, sondern es darum geht, sie zu töten.

Kasdorf: Es ist erstmal unser Ziel, die Personen gefangen zu setzen. Aberes kann natürlich auch durchaus sein, dass bestimmte Personen gezielt ausgeschaltet werden.“

(hier auch online auf faz.net)

Wo sind wir eigentlich hingekommen?

Bundesregierung subversiv

Zitat heute von der Titelseite der FAZ, sozusagen der allererste Satz ganz links oben:

„BRÜSSEL, 6. Dezember. Die Bundesregierung will darauf achten, dass die von der europäischen Kommission geplante ‚Blue Card‘ ihre Verantwortung für die Einwanderung nach Deutschland aushölt.“

Mensch Bundesregierung, welch späte Weisheit. Dass das Zusammenspiel mit der EU so lustig subversiv angelegt sein kann war mir bisher nicht klar…

Adorno beim handelsblatt untergebracht…

Habe heute in einem Gastkommentar im handelsblatt unter dem zugegebenermassen theatralischen Titel „Die Seele ausverkaufen: Nein“ ein Adorno Zitat aus den Minima Moralia untergebracht (Titel stammt nicht von mir). Man kann sich gar nicht vorstellen was das für mich bedeutet, also wie lange dieses Projekt jetzt lief. Habe Minima Moralia bestimmt vor zehn Jahren gelesen (nein, eher 15) und es hat mich geprägt wie kein zweites Buch. Sehe noch heute in meiner Ausgabe die hektischen Anstreichungen in unterschiedlichen Edding-Farben + Unterstreichung + Anmerkungen. Wahnsinn. Dann der ganze Marsch durch die Stationen (na ja), die Selbstaufgabe, das Fettwerden usw. Habe mich schon nicht mehr getraut das Buch aus dem Regal zu nehmen. Ein Coach hat mir dann mal empfohlen etwas zu nehmen was etwas weniger schroff die bestehende Wirklichkeit negiert, konkret „Empire“ von Negri (http://www.amazon.de/gp/product/3593372304). Negri hat mal den bewaffneten Aufstand in Italien propagiert – ist aber echt nicht lesbar. Also stick with Adorno. Und was schmeisst mir der Weltgeist da vor die Füsse? Facebook und die social ads. Ist ja auch wirklich so als hätte Adorno von drüben noch die Fäden in der Hand und würde sich amüsieren…

Anyway, Handelsblatt, danke für alles. FAZ wäre noch schöner gewesen, aber was solls.