Warum Facebook mein Herz langsam erobert

Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, warum ich FB am Anfang nicht gut fand. Wahrscheinlich irgendwas Deutsches oder so, keine Ahnung. Jedenfalls habe ich heute – anlässlich dieser sehr schönen Analyse „Facebook vs. StudiVZ“ – nochmal darüber nachgedacht, und dabei festgestellt, dass Facebook sich Schritt für Schritt in mein Herz vorgearbeitet hat.

Inzwischen gehört es zum core-set meines digitalen Alltags, wird mehrfach geöffnet pro Tag, dient als Kommunikations- Entertainment und Distributionskanal usw. – das ist schon ein erstaunlicher Wandel. Und ganz klar ein Phänomen, das auf viele andere zutrifft. Zum einen stelle ich fest, dass gerade in den letzten Monaten unglaublich viele Geschäftspartner plötzlich da sind – die vorher nur auf Xing und Linkedin anzutreffen waren. Zum anderen weiss ich, dass sich meine Tochter – ehemals sozusagen permanent in SchülerVZ eingeloggt – inzwischen mehr auf FB aufhält als auf anderen Plattformen. Hinzu kommt noch mein Patenkind und meine Frau. Letztere ist auch so ein Phänomen, weil sie sehr datenschutz-sensibel ist und bisher überhaupt kein Social Network genutzt hat. Sie wurde von Freundinnen aufgefordert es zu nutzen. Bei dem kurzfristigen AGB-Debakel vor ein paar Monaten wollte sie direkt Ihren Account löschen – konnte sie grade noch abhalten.

Also offenbar eine breite, nachhaltige Entwicklung.

Es gibt natürlich zahlreiche Gründe dafür, die ich jetzt gar nicht alle herausfinden will. Ich will nur mal drei exemplarisch herausnehmen, die ich persönlich schön und gewissermassen wegweisend finde.

1. F8

Ehrlich gesagt – das war eines der beeindruckendsten Erlebnisse in meinem bisherigen IT-Leben. Der Zeitpunkt als Facebook 2007 F8, also die Application-Plattform gelaunched hat. Ich fand das unfassbar. Einerseits technisch, denn es war einfach unter IT-Gesichtspunkten eine Wahnsinss-Tat was Zuckerberg da losgetreten hat. Wüsste zu gerne was seine IT-Leute am Anfang zu der Idee gesagt haben. Fremden Code von unzähligen Entwicklern auf einer Seite mit Monster-Traffic, die ausschliesslich dynamisch ausgeliefert wird zu integrieren ohne jegliche Kontroll- und Freigabemechanismen. Ich hab das erst für ein Märchen gehalten. Übrigens auch, weil es so märchenhafte Chancen für Entwickler bieten würde wenn es wahr wäre… Wer jemals eine Webanwendung gebaut hat und allein mit dem Authentifizierungsmodul ein paar Tage kämpfen musste, weiss was ich meine. Aber auch der einfache Zugang zu einer Community mit Millionen registrierter Benutzer. Wahnsinn. Ich musste es ausprobieren, mit eigenen Augen sehen. Also Developer-Zugang geholt und Dokumentation gelesen. Und noch viel mehr fasziniert, denn es war alles wahr. Man hatte vollen Zugriff, es war einfach, es funktionierte, es gab keine Freigabeprozedur o.ä.! Ich finde wirklich, dass Zuckerberg (oder wer auch immer diese Idee hatte) einen IT-Oscar verdient hat allein für diese bahnbrechende und sympathische Entscheidung. Übrigens fand ich auch faszinierend, dass man wirklich vollen Zugriff auf die Profildaten der User hatte und diese nach Belieben sowohl auf Facebook als auch extern vermarkten durfte. Ich meine…hallo? Kein Rev-Share, keine Bedingungen, keine Schranken? Nein, ich habe es eigenhändig ausprobiert. Personalisierbaren Banner von amazon geholt, in app eingebaut und Bücher nach Profilpräferenzen anzeigen lassen. Einfach so*.

2. Schnelligkeit

Irgendwann im Jahr 2000 sass ich mit einem Portalverantwortlichen eines sehr grossen deutschen Portals zusammen und wir sprachen über die Möglichkeiten der Personalisierung auf dem Portal. Ich erinnere mich noch genau, wie er völlig entrüstet reagierte auf die Idee auch nur einen Teil des Contents dynamisch auszuliefern (was eine Bedingung für Personalisierung ist). Meinte irgendwas von ob ich mir vorstellen könnte wieviele Anfragen sie bekämen pro Sekunde, und dass das niemals dynamisch machbar wäre usw. Die hatten damals ungefähr 800 Mio Requests pro Monat. So – und jetzt schaut Euch mal Facebook an. Liefern komplett dynamisch aus (na ja, fast komplett). Und das bei mehr als dem 100-fachen Anfrage-Volumen, verteilt auf die ganze Welt. Und dabei sind sie in aller Regel wirklich hochperformant. Die Facebook-Seite lädt bei mir nicht selten signifikant schneller als z.B. Spiegel Online.

Ich glaube es wird generell unterschätzt, wie wichtig Performanz im Seitenaufbau (und Usability) für die Userbindung sind. Ich weiss, dass es dazu auch schöne Studien gibt (ab wieviel Sekunden Verzögerung werden Leute genervt usw.), aber mir reicht schon mein digitaler Alltag um das (subjektiv natürlich) zu beurteilen. Je mehr wir Webanwendungen alltäglich nutzen wie bisher Clientanwendungen desto kritischer wird dieser Faktor. Jede auch noch so kleine Verzögerung kann da schon nerven. Und wie angenehm ist es, eine Seite zu nutzen, die richtig gut und schnell ist. Facebook hat da bisher einen exzellenten Job gemacht.

3. Respekt

Oh, das ist ein gefährliches Kapitel jetzt… Aber bei aller berechtigten Kritik an den Ausrutschern bzgl. Datenschutz (Beacon, Voreinstellungen, AGB usw.) finde ich, dass die Jungs Ihre User trotzdem verdammt ernst nehmen. Bei all den kritischen Projekten wurde auf User-Proteste reagiert, teilweise in sehr signifikanter Weise. Die Optionen zur Filterung im Stream z.B. sind konsequent und angenehm zu bedienen – obwohl Zygna mit Farmville sicherlich einige Millionen mehr verdienen könnte ohne die Filterung. Ich habe das Gefühl, dass die Ihre User wirklich ernst nehmen und den Plan haben diese langfristig mit guten Funktionen, Usability und Vertrauen an die Plattform zu binden. Ich mag diese Politik – auch wenn ich mich wohler fühlen würde mein digitales Leben nicht so sehr an einer Firma eines 25-jährigen zu binden und ein freies Facebook besser wäre. Gibts halt nicht derzeit.

Wie gesagt – eine völlig unvollständige Analyse ist das – aber ich finde eine ganze Reihe von Punkten bei FB sehr bemerkenswert und freue mich, dass die Plattform vermutlich auch deshalb so schnell wächst. Die haben das – bisher zumindest – einfach verdient.

*ganze Geschäftsmodelle wurden darauf aufgebaut, z.B. von lookery.com. Inzwischen mussten die allerdings zumachen, u.a. auch weil Facebook dann doch Zug um Zug die Zügel etwas enger angezogen hat…

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3 Antworten zu “Warum Facebook mein Herz langsam erobert

  1. »Übrigens fand ich auch faszinierend, dass man wirklich vollen Zugriff auf die Profildaten der User hatte und diese nach Belieben sowohl auf Facebook als auch extern vermarkten durfte.«

    Das ist für Programmierer natürlich super, aus Datenschutzsicht aber mindestens schwierig.

    Was die Usability angeht stimmt das mit der Performance. Ansonsten ist die Seite aber von der Benutzbarkeit wirklich furchtbar. Mit jedem Redesign wird es ein wenig besser, aber viele – vor allem speziellere – Funktionen finde ich nur, wenn ich jedes Mal danach google. Teilweise wirkt es schon so als würde der Zugang zu manchen Dingen absichtlich gestört.
    Natürlich ist das schwierig auf so einer großen Seite. Ich bin mir auch sicher, dass die Jungs das noch weiter anpassen und verbessern werden. Aber im Moment grabe ich mich nicht gerne in den Funktionsjungel weiter ein.

    • Ja da hast Du schon recht. Man muss allerdings auch sagen, dass das über die Zeit deutlich angepasst und auch im Sinne des Datenschutzes verbessert wurde. So kann man heute recht genau bestimmen welche app Zugriff auf welche Daten hat usw. – bleibt allerdings aus Sicht des Datenschutzes eine grosse Baustelle, da gebe ich Dir recht.

      Was die Usability angeht sehe ich ein breites Spektrum. Wenn man z.b. die farmville Beiträge ausfiltern will ist das sehr schön gelöst. Und viele andere Dinge auch. Wenn man dagegen eine Fanpage anlegen will ist es tatsächlich praktisch nicht zu finden ohne google was natürlich schon witzig ist. Vermute allerdings tatsächlich dass das gar kein Zufall ist…

  2. Schön erzählt. Aber ich beiße mir tatsächlich seit einigen Wochen die Zähne an dieser Fanpage-Funktion aus. Das ist unglaublich intransparent. Besonders schlimm daran ist, dass selbst die Facebook-Hilfe nicht weiterhelfen kann. Zum Beispiel weiß ich bis heute nicht, wie ich benachrichtigt werden kann, wenn jemand auf der Fanpage kommentiert hat.
    Andererseits ist Facebook für mich erst durch die zig verschiedenen Anwendungen und die Verschränkung mit anderen Diensten interessant geworden. Ich schätze dort das Feedback, das an anderer Stelle so gar nicht ankommt.

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