Post Privacy und Väterchen Datenschutz

Die Debatte, ob man nun der post-privacy Fraktion oder eher den echten Datenschützern angehört wird ja in letzter Zeit immer heftiger geführt. Was ich zunächst mal der neuen Kultur des Headline-Bangings zuschreiben würde – da lesen nämlich Leute einfach nur „post-privacy“ und schreiben gleich aufgeregte Blog-Kommentare, dass das ja gar nicht ginge und Scientology wäre usw. (so ähnlich wie ich selbst kürzlich schon einen durchformulierten Schmähartikel auf den Hersteller unserer neuen Spülmaschine vorbereitet hatte um in letzter Minute zu merken, dass wir die ganze Zeit mit Entkalker-Tabs für die Waschmaschine gespült hatten…).

Dennoch gibt es auch bei näherer Betrachtung ein paar interessante Punkte.

Denn die Welt befindet sich auch für den Datenschutz in einem wirklich massiven Wandel. Und der geht nicht etwa so, dass ein paar ahnungslose User Social Networks nutzen und Artikel über Ihre Saufgelage ins Web „hochladen“ und dann irgendwann bei Stern-TV sitzen als schockierende Beispiele für den Datenmissbrauch des neuen Web2.0 – nein. Der Wandel ist wirklich tiefgreifender und deutlich komplizierter zu beschreiben – und er ist sehr intentional und bewusst. Denn die meisten Leute wissen sehr genau, was sie da tun (wie überhaupt die Annahme denkfähiger Individuen immer ganz brauchbar ist). Vor dem Hintergrund klassischer Datenschutzdebatten ist es sogar schlicht unerhört was da permanent passiert. Leute legen sich Profile in Social Networks an – nicht eines, viele. Die Berufsidentität bei Xing und LinkedIn, die Freizeit-Identität bei Facebook, Musik-Präferenzen eher bei Myspace und vorsichtshalber die bürgerliche Identität (für die Nachbarn) bei wkw… Dann wird auch noch getwittert, Bilder auf Flickr hochgeladen, Musik über last.fm gescrobbled und als Profil zugänglich gemacht. Schliesslich wird der Lidl um die Ecke, der Besuch beim Fitness-Studio und selbst der Kaffee zwischendurch bei der Arbeit inkl. Kommentar in Foursquare und Gowalla angelegt. Vielleicht noch 1-2 blogs, ein Account bei posterous und eine Handvoll Spezialdienste wie z.B. dailymile runden das Bild dann ab.

Freunde – will ernsthaft noch einer mit den Konzepten des klassischen Datenschutzes operieren in diesem Umfeld? Also mit Datensparsamkeit, Datenvermeidung usw.?

Wir wollen unsere Daten zur Verfügung stellen, speichern lassen, öffentlich zugänglich machen, zu Werbezwecken auswerten lassen usw. – w i r  w o l l e n  e s!

Mal konkret am Beispiel der Verkehrs- oder Vorratsdaten über die derzeit wieder viel diskutiert wird – denn man muss sich das am Beispiel vor Augen führen, wie sehr das die Diskussion eigentlich beeinflussen müsste.

Da möchte also ein Geheimdienstmitarbeiter herausfinden was ich in den letzten 5 Tagen getan habe. Jetzt kann er sich eine richterliche Erlaubnis holen und bei meinem Handybetreiber und diversen ISPs meine digitalen Bewegungsdaten holen, klar. Und damit man mich nicht wieder falsch versteht – ich finde diese Speicherung des Staates auf Verdacht verabscheuungswürdig! Aber zurück zu unserem Freund vom Geheimdienst. Jetzt bekommt er also einen Datensatz wo drinsteht wann ich in welcher Funkzelle war (was relativ ungenau ist), wen ich von dort angerufen habe usw. Ausserdem erfährt er welche Website ich aufgerufen habe, z.B. 125 mal facebook.com, mehrmals gmail.com, ein bisschen hier und dort und vielleicht auch einmal youporn. Whuuh. Warum soll er sich den Stress für solch limitierte Informationen machen? In jedem meiner tweets lasse ich die GPS-Location-Information mitloggen. Ich nutze Foursquare. Ich speichere meine bevorzugten Websites bei delicious. Er kann mein Freund werden auf Facebook und meine Fotos sehen, meine Updates und meine anderen Freunde. Er kann – live und in Farbe – mithören welche Musik ich gerade höre. Auf meinem Blog ist eine heatmap eingebunden, die zeigt wo ich mich hauptsächlich aufhalte. Aus meinen tweets kann er sogar sehen, welche Werte meine 24h Blutdruckmessung kürzlich ergeben hat und was ich bei jedem Messpunkt gerade getan habe (übrigens eine Auswertung die ich meinem Doc vorlegen werde, weil sie mehr aussagt, als das Protokoll des Messgerätes). Verdammt nochmal, was soll der Typ mit den verkackten Vorratsdaten rummachen?

Ich will das Problem nicht runterspielen – wie gesagt. Ich will nur deutlich machen, dass die Art wie wir mit persönlichen Daten umgehen sich gerade radikal ändert. Wirklich radikal – keine graduelle Verschiebung oder so. Die Änderung ist absolut fundamental und hat viele Grundannahmen um 180 Grad gewendet.

Diesen Aspekt in der Datenschutzdebatte nicht zu behandeln halte ich nicht nur für unmodern sondern für fahrlässig, weil die so erzielten Ergebnisse der Landschaft in 5 Jahren in keinster Weise mehr standhalten werden.

Und jetzt kommts. Haben wir deshalb weniger Datenschutz? Ich glaube nein. Natürlich speichern wir viele viele Daten, oftmals auch sehr persönliche bei – mit Verlaub – zwielichtigen und von kommerziellen Interessen getriebenen Anbietern ohne auch nur den Hauch einer Kontrolle über diese Daten zu haben. Also verglichen mit den rechtlich einklagbaren Möglichkeiten, die ich habe von der SchuFa Daten einzuholen und ggf. eine Löschung zu beantragen, sind die Möglichkeiten ein unpassendes Bild aus der Google Image-Suche wieder rauszubekommen praktisch inexistent.

Aber – im Zuge dieser neuen Datenverschwendung, die wir uns Schritt für Schritt aneignen schaffen wir uns auch etwas drauf, was man daten-literacy nennen könnte. Also Erfahrung und Reflexion im Umgang mit Daten. 60 Millionen Status-Updates bei Facebook pro Tag. Bei jedem einzelnen Update wird man aufgefordert, eine Entscheidung zu treffen, mit wem man die Tatsache, dass man grad auf dem Klo war teilen möchte. Jedes Mal! Auch Zuckerbergs eigene Gehversuche mit den neuen Sharing-Optionen seines Social Networks sind eine Illustration davon – wir lernen verdammt gut mit unseren Daten umzugehen. Vorsichtig zu sein. Auszuwählen. Daten zu fälschen (aber nur so, dass die wesentlichen Funktionen gesichert sind und der Account nicht gelöscht wird). Identitäten zu erzeugen, die nur bestimmte Eigenschaften von uns teilen aber für Freunde dennoch gut zu erkennen sind – häufig sogar in den ironischen Bezügen und den Auslassungen. Wir wissen damit umzugehen, dass man mehrere Arten hat den Standort in Google Latitude offenzulegen, und nutzen regelmässig die Möglichkeit es nicht zu tun. Ich glaube viele Intensiv-Nutzer sozialer Netzwerke haben heute schon eine Routine und Professionalität im Umgang mit Ihrer eigenen Identität, Ihren Daten und Erkennungsmerkmalen, wie man sie bis vor kurzem ausschliesslich im Geheimdienst hätte erlernen können.

Und das hat gravierende Auswirkungen für den Datenschutz. Denn was wir immer häufiger erzeugen sind bewusste Datenspuren, gelegt um mit Leuten in Kontakt zu kommen, uns zu produzieren, Spass zu haben usw. – aber bewusst und gut überlegt. Für die Kollegen in den Geheimdiensten wird das eine grosse Herausforderung – vielleicht am Ende viel grösser als irgendwelche dämlichen Wanzen in meiner Wohnung zu platzieren. Denn wenn sie anfangen diese Daten wirklich zu nutzen – und sie werden es tun – dann müssen sie unsere Auswahlverfahren kennen, unsere Gewichtungen und Verfälschungen. Sie müssen unsere multiplen Identitäten in eine überführen können. Das wird ihnen sehr sehr schwer fallen.

Wie auch immer – ich glaube, dass wir auf ein Zeitalter des bewussten Umgangs mit Daten zubewegen, eben daten literacy. Und dass die Diskussion um Datenschutz notwendigerweise diese fundamentalen Änderungen auf der Seite der Verbraucher (um mal diese Vokabel zu verwenden) einbeziehen muss – sonst diskutieren alte Herren die Themen der Vergangenheit.

Und für die Anbieter von Tools und Produkten die Datenschutz berühren, wird es auch nicht leichter – es verschieben sich nur die Prioritäten. Früher war das Konzept sozusagen in väterlicher Fürsorge das Beste zu tun im Sinn des Users ohne ihn überhaupt zu fragen – denn man ging davon aus, dass die meisten User es zum einen nicht verstehen würden und noch mehr schlicht nicht an solch spröden Dingen wie Datenschutz interessiert wären. Wenn sich das plötzlich ändert, und User sehr wohl verstehen, was ihre Daten sind und welche Optionen es geben sollte diese zu kontrollieren und auch aktiv zu verteilen, müssen die Systeme auch entsprechend anders designed werden. Statt Datenvermeidung im Hintergrund müssen Transparenz und Kontrolle für den User im Vordergund stehen.

Ich jedenfalls finde post-privacy so gedacht sehr aufregend und mache mir irgendwie nicht so viele Sorgen wegen des Missbrauchs – denn nichts kann einen stärkeren Schutz bieten als ein aufgeklärter Nutzer, ein Souverän seiner Daten. Und ausserdem bereitet es mir eine diebische Vorfreude, eifrige Mitarbeiter des Innenministeriums über permanent einflatternden buzzes, tweets und anderweitigen Updates Ihrer Zielpersonen verzweifeln zu sehen…

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14 Antworten zu “Post Privacy und Väterchen Datenschutz

  1. Du hast ein anderes „wir“ vor Augen, als ich eben gleichzeitig in meinem Blogpost. Als mir vorhin am Telefon meine Mutter über ihre Facebook-Erfahrung erzählte (das Übliche: erschrocken, dass alle Kontakte in ihrem Adressbuch angemailt werden…) wurd mir klar, dass das „wir“, von dem Du sprichst, doch noch eine sehr übersichtliche Avantgarde im Netz ist. Die breite Öffentlichkeit kann (und will) so tief vielleicht gar nicht vorstoßen in das Thema und hat einfach nur Angst vor dem beschriebenen Wandel im Datenschutz. Dein „wir“ experimentiert meist bewusst damit. Der Mainstream steckt nicht drin in in den zugrunde liegenden Mechanismen oder Methoden drinsteckt und hat so verständliche Befürchtung vor Missbrauch. Da aufzuklären ist sicher ein langer, steiniger Weg.

  2. Pingback: @caveman « qrios

  3. denke:
    a) auch, dass der „Schritt für Schritt“-Weg zum mündigen Nutzer und einer toolgestützten informationellen Selbstbestimmung eine ganze Weile brauchen, einige Datenklau-Überraschungen bringen, einiges Rauschen im Blätterwald (physisch und digital) produzieren und einige Mannjahre Juristerei erwirtschaften wird … und am Ende renkt sich das dann im Diskurs zwischen Governance, Mündigkeit und Wirtschaft systemisch ein.

    b) dass „[…] Mitarbeiter des Innenministeriums über permanent einflatternden buzzes, tweets und anderweitigen Updates Ihrer Zielpersonen […]“ bereits heute ratlos mit dem Kopf schütteln würden (wenn sie sie denn läsen). Denn offensichtlich sind selbst die bestausgerüstetsten und -gebildeten „Datensammler“ nicht vor dem Information Overload gefeit (vor allem, wenn der „mündige Nutzer“ nur ganz leicht gefälschte Spuren legt und Sackgassen eröffnet) . Ob jemals für jeden geheimdienstrelevanten Anwendungsfall die jeweils relevante Information zu jedem Individuum zeitgerecht erhoben, ausgewertet, aufbereitet und zugeordnet werden kann ist zumindest stark zu bezweifeln (vgl. auch Versagen der US-Behörden beim Detroit-Fastanschlag).

  4. Pingback: F.A.Z.-Community

  5. Schön das Du mit Deinen Daten im Sinne der Firmen, die daran gut verdienen, so freigiebig bist. Was Dir das Recht gibt, daraus gleich ein „WIR“ zu konstruieren und Dein Verhalten zur sozialen Norm zu deklarieren, hast Du leider nicht erklärt. Kannst Du wohl auch nicht, alleine Dein Beruf als „Online-Werber“ macht Dich nicht besonders glaubwürdig dabei.

  6. Dass bereits in anderen Kommentaren aufgegriffene „Wir“ ist in dieser Form nicht zu halten. Der selbstreflexive und bewusst verantwortungsvoll handelnde (Intensiv-) Nutzer ist doch nur einem geringen Anteil von Nutzer zu unterstellen. Fragen Sie doch mal einen durchschnittlichen Digital Native, wie eine Suchmaschine funktioniert oder konfrontieren Sie Ihn mit seinem persönlich erstellten Nutzerprofil aus einer Social Media Analyse – wo Beiträge, Bilder und dergleichen ihm schwarz und weis vorgeführt werden. Ich denke, dass viele Ihren Umgang mit dem Medium Internet ändern würden, wenn sie sich in der alltäglichen, naiven Internetnutzung sich gewissen Mechanismen und Funktionsweisen stärker bewusst werden. Und Bewusst zielt dabei nicht auf das Anlegen eines Facebookprofils ab.

    Unser Umgang mit Daten verändert sich natürlich dadurch, dass sich die Grenzlinie von Intimität, die Art und Weise der sozialen Beziehungen, das Identitätsmanagement und die Selbstinszenierung einem rasanten Wandel vor allem bei jüngeren Nutzergruppen unterliegen.
    Das Nutzugsverhalten ist in erster Linie nicht davon geleitet, dass wir uns Gedanken über unsere eigene Datenspur machen.

    Und auch wenn wir die „multiplen Identitäten“ noch nicht in voller Gänze über Algorithmen abbilden können, stellen „Sie“ deswegen ja noch lange nicht Behavioral Targeting ein. Weil wir nicht im Stande sind, aus den verfügbaren Daten einen Menschen in seiner ganzen Tiefe abzubilden (dieses Unterfangen wäre auch per se zum Scheitern verurteilt), lässt dass keine Schlussfolgerung zu, dass die Daten nicht genutzt werden können. Um die Komplexität dieser Welt zu reduzieren, bedienen wir uns ja gerade Mustern und einerlernten Rollen. Menschliches (digitales) Handeln und Abbildungen im Netz haben folglich doch eine gewisse Aussagekraft – für wen und zu welchem Nutzen auch immer

    Und ja, der stärkste Datenschutz ist wohl der aufgeklärte Nutzer. Ich erinnere aber auch an den Aufruf eines bekannten Soziologen: Nie wieder Aufklärung. Mal Hand auf´s Herz – in wie vielen Beratungsgesprächen mit Unternehmen müssen sie gefühlt bei „Einführung ins Internet“ anfangen? Wir dürfen gespannt, in wie weit sich die Transparenz der post-privacy sich unter anderem auch im System Marketing und Werbung ausgestalten wird.

  7. Es stimmt schon – mein „wir“ war leicht übergriffig. Aber ich sehe es dennoch nicht so, dass man hier noch von einer digitalen Elite oder so sprechen sollte. Aus zwei Gründen. Zum einen zähle ich mich selbst nicht dazu, ich bin eher ein normaler Intensiv-Nutzer. Feuilleton-Leser usw. Jemand der seine Tochter auf die Gefahren von Spyware und Raubkopien hinweist etc.
    Und insofern halte ich mich mit meinem Verhalten schon für einen Repräsentatanten einer etwas breiteren Schicht von Nutzern.

    Zum anderen spricht dagegen, dass Facebook und Co nicht von wenigen Spezialnutzern sonderen von hunderten von Millionen Nutzern verwendet werden. Und damit auch die Möglichkeiten bewusst Datenspuren zu hinterlassen.

    Ich glaube wirklich, dass die Aufgeklärtheit mit der viele Nutzer mit dem Netz umgehen notorisch unterschätzt wird. Ähnlich wie Fernsehmacher immer denken die meisten Leute seien dumm oder auch Politiker. Das ist ein Fehlschluss, und das Internet ist vielleicht das erste Medium, wo das auf breiter Front spürbar werden wird.
    Oder erinnert sich noch einer warum Facebook das Projekt Beacon wieder eingestellt und eine scharfe AGB-Änderung zurückgenommen hat? Eben.

  8. Pingback: Lieber Herr Faber… « beim Nollar (aka @holadiho)

  9. Pingback: sich ausziehen – ausgezogen werden « Piraten im Berchtesgadener Land

  10. mir kommt das ein wenig vor wie jemand, der sagt „ich habe ja nichts zu verbergen“.

    das gefaehrliche daran ist, dass, wenn das zur norm wird, vergewaltigende wirkung haben koennte.

    denn es gibt eben dinge, die man doch zu verbergen hat. andernfalls wuerden menschen nicht doch ab und zu luegen.

  11. Pingback: Stillschweigende Einwilligung zur Veröffentlichung von Bildern aus Social Networks in Personensuchmaschinen

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  14. Pingback: post-privacy « Dreiköpfe

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