Wind of Change

Grade heute lief zufällig im Radio nochmal „Wind of Change“ (hatte versehentlich Radio Brandenburg eingestellt) und plötzlich kam die ganze Stimmung wieder hoch.

Die Utopie. Ich meine – das war in Trier. Ich war mit meinen Zivi-Kumpels für die Betreuung und Durchführung der Reittherapie in einer großen Diakonischen Einrichtung in Köln zuständig. Und das war jetzt unsere große Freizeit mit den Kids. Man hatte es eigentlich für undurchführbar gehalten, nicht bezahlbar und überhaupt. Aber wir hatten uns durchgesetzt – die Kinder hatten es sich so sehr gewünscht und als Zivi macht man Dinge möglich.

Also fuhren wir mit einem vor vielen Jahren von der Stadt Köln ausgemusterten Ford Transit mit Pferdeanhänger und einem noch älteren Peugeot eines Vaters einer Erzieherin mit je einem Pferd hintendran nach Trier in ein Haus an einem Fluss.

Im Radio lief damals ständig Wind of Change. Ich habe den Song geliebt (ja ich gebe es zu). Er stand für so vieles. Für den Aufbruch im Osten durchaus. Weniger Mauerfall und Begrüssungsgeld als vielmehr der ganze Zusammenbruch des Ostblocks, das Ende des kalten Krieges (dem ich gefühlt 80% meiner schlimmsten Ängste als Kind zuordnen würde) oder ganz einfach: Gorbatschow. Mit dieser mysteriösen Landkarte auf der Stirn, als käme er direkt als Gesandter aus Atlantis oder so. Aber es stand auch noch für zwei ganz lokale Dinge die ich erinnere. Einmal die Hoffnung, dass einer der Zivi-Freunde es schaffen würde aus seinem Drogen-Sumpf rauszukommen. Diese Reittherapie und die ganze Arbeit mit den Heimkindern hatte nämlich etwas absolut faszinierendes, Gorbatschoweskes. Es war so viel Hoffnung in der Arbeit und auch irgendwie Magie. Wenn man mal gesehen hat was der Kontakt zu Pferden bei gebrochenen Menschen bewirken kann – das ist der Hammer. Also ich hatte die Hoffnung, dass er zumindest von den harten Sachen loskommen würde. Weil ihn auch die Inspiration aus dieser Arbeit gepackt hatte. Weil er dem Charm der Kids erlegen war. Weil wir geschafft hatten ihn mitzunehmen und er offenbar nix ausser ein paar Joints (die brauchten wir ja alle) dabeihatte.

Und dann war da die andere große Hoffnung von der die Arbeit getragen war. Nämlich diesen wundervollen Kindern etwas zu bieten was sie ihre Wunden und Verletzungen momenteweise vergessen lassen würde. Etwas das vielleicht in bestimmten Augenblicken sogar kraftvoller war als aller bürgerliche Schick und Popanz der anderen „normalen“ Kinder. Was für eine große, wundervolle Aufgabe. Das ganze natürlich getragen von dem komplexen Respekt vor der Tatsache, dass man das nicht ersetzen kann was den Kids genommen wurde – ja dass allein der Versuch des Ersetzens ein weiterer Entzug gewesen wäre. Also war klar, dass nur möglich war es zu kompensieren durch eine andere Art von Nähe und Verbundenheit.

Und wenn dann bei einem Reitturnier die Kleinste, Schüchternste souverän den Parcours meisterte und unter Jubel als Beste durch das Ziel ging gelang uns das glaube ich auch manchmal. Hoffentlich.

Aber jetzt zu den Katzen und damit zu dem tragischen Teil der Geschichte. Kurz vor der Abreise gab es noch einen grausigen Zwischenfall der uns während der ganzen Reise im wahrsten Sinne beschäftigen sollte – und mich an eine wirklich harte Grenzerfahrung brachte. Eines der Kinder hatte nämlich eine Katze. Tiere sind für Kinder ja eh schon unglaublich wichtig – bei den Heimkindern war das natürlich oftmals noch viel schlimmer. Die Katze jedenfalls hatte wenige Tage vor der Abreise Junge bekommen. Das war auch soweit kein Problem. Aber am Tag der Abreise kam J. plötzlich schreiend nach oben gerannt als hätte sie den Tod persönlich gesehen. Hatte sie auch. Ihre geliebte Katze hing nämlich verendet im gekippten Fenster festgeklemmt. Wo sie rausklettern wollte.
Und die Jungen lagen ineinander verschlungen im Körbchen.
Das war also zu regeln. Und es war natürlich keine Diskussion diese Jungen jetzt im Stich zu lassen. Die mussten mit auf die Reise. Also wurde der Tierarzt konsultiert, Fläschchen und Babynahrung besorgt und los ging es. Es war ein hoffnungsloses Unterfangen. Denn die kleinen Dinger waren einfach zu schwach und starben uns über mehrere Tage verteilt unter den Fingern weg. Es war so schlimm weil nach dem Tod des schwächsten Kätzchens die Hoffnung bestand die anderen hätten eine Chance. Und nach dem Tod des nächsten wieder. Und so weiter. Und diese furchtbare Symbolik. Der Kampf um das Leben und das Glück der Kinder. Und dann diese Kältedemonstration der Natur.
Der schlimmste Punkt war da als uns klar wurde, daß alle sterben würden und es nur ein verzögertes Leiden wäre was wir den verbleibenden eigentlich ersparen mussten. Da bekam ich den Auftrag die drei letzten zu nehmen und im Wald zu erschlagen. Da bin ich also losgelaufen (die Kinder hatten wir auf einen Ausflug geschickt) mit den wimmernden kleinen Kätzchen auf dem Arm und konnte es nicht tun. Ich erspare Euch die Details, aber es war furchtbar. So ein doppeltes Versagen.
Na ja – auch das verbinde ich mit Wind of Change.

PS: ungewöhnlicher Nachtrag. Irgendwas an twitter und dem ganzen Online-Dingens erinnert mich auf eine sehr tiefe Art und Weise an die Gefühlslage damals. Die Mischung aus Utopie, Gebrochenheit, komplizierten und zugleich wunderschönen Ersatzhandlungen (=Sprache, Tweets) und die Nähe die daraus manchmal entstehen kann. Ist schwer zu erklären. Aber es gibt da eine Linie.

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3 Antworten zu “Wind of Change

  1. Drei kleine Kätzchen hätte ich auch nicht erschlagen können. Aber die Geschichte gefällt mir außerordentlich. LG, WilderKaiser

  2. Was @stijlroyal sagt.

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