Mein erster Online-Kick – so ging der 70er Jahrgang online @mspro!

Mit Jahrgang 70 gehöre ich ja offensichtlich bereits zur frühen Silver-Surfer Generation wie mir @mspro in seinem aktuellen Artikel klargemacht hat. Also jemand für den das Internet noch etwas sehr fremdartiges war das plötzlich in seinem Leben stand. Stimmt ja auch.

Konkret war das so: Mein erster PC war ein Vobis Highscreen 286/16 (16 stand für 16 MHZ – der übliche Rechner damals hatte maximal 8MHZ) mit einer 40MB Festplatte. Das Teil kostete mich 3000 Mark die ich monatlich abstottern musste. Es war unheimlich aufregend das Ding dazuhaben, vor allem weil es Vobis-like erstmal überhaupt nicht funktioniert hat. Der Vobis Support war so scheisse dass ich über diesen Rechner schliesslich angefangen habe mich wirklich mit Computern auseinanderzusetzen. Dafür müsste ich Vobis eigentlich dankbar sein denn mein Leben wäre sonst wirklich anders verlaufen.

Aber das Ding war natürlich noch nicht online – die Idee gab es so eigentlich noch fast gar nicht (es war 1990). Aber es sollte mein erster Online-PC werden. Hochgerüstet zum 386sx natürlich (ohne Koprozessor – den wollte ich ggf. später dazukaufen). Da stiess ich in irgendeinem Zusammenhang erstmalig auf das Konzept Modem, ich glaube ich habe irgendeinen Film gesehen in dem ein Akustikkoppler verwendet wurde um sich irgendwo einzuwählen. Das wollte ich auch. Allein die Vorstellung hat mich ehrlich gesagt vom ersten Moment an schon fasziniert.

Also wurde ein Modem gekauft, erstmal eines mit 2400 baud. Das war die Zeit als man soetwas eigentlich bei der Post anmelden musste und als ein Aufschrauben der Telefondose noch ein Eingriff in das Hoheitsgebiet des Staates vertreten durch die Post war. Ich war dennoch so mutig mir ein illegales Importmodem zu holen denn die kosteten nur ein Bruchteil der postzugelassenen Geräte. Es gab da ziemlich martialische Drohungen seitens der Post so im Sinne wenn man durch Anschluss eines illegalen Gerätes einen Leitungsschaden verursache müsse man für den Schaden aufkommen. Ich kann mich noch genau erinnern wie aufgeregt ich war als ich zum ersten Mal die heilige Telefondose aufgeschraubt habe, denn ich hatte tatsächlich ziemlich Angst einen Kurzschluss zu verursachen oder so. Na ja – es ging alles gut und plötzlich hatte ich also ein Modem an meinem PC hängen mit einer LED Leiste für diverse Status-Anzeigen usw.

Viele denken jetzt „ah dann ist er also online gegangen damit“. So einfach war das aber nicht, denn man konnte gar nicht so ohne weiteres online gehen. Man konnte sich „einwählen“. Und zwar in Mailbox-Netze. Ich weiss noch genau dass ich damals beim Link-Lev angefangen habe weil der Einwahlknoten als relativ zuverlässig erreichbar galt und es war für mich als Kölner noch im Ortsnetzbereich. Eine mailbox war so eine Art Forenserver ohne graphisches Interface. Man konnte sich auf bestimmte „Bretter“ abonnieren oder die Artikel in diesen durchlesen und natürlich auch Sachen „hochladen“. Die Mailboxen waren untereinander vernetzt und haben bestimmte Bretter ausgetauscht so dass diese bundesweit erreichbar waren. Man konnte auch die Einrichtung neuer Bretter beantragen.

Die Einwahl hatte etwas total magisches. Man wählte eine bestimmte Nummer an. Der Modemlautsprecher wählte gut hörbar. Dann war es kurz stumm in der Leitung und wenn gut lief hörte man plötzlich so ein fiepen in verschiedenen Tonlagen. Ich lernte schnell dass das der sog. „handshake“ war, sich die Rechner also untereinander austauschten und bestimmte Parameter für die Verbindung vereinbarten. Wenn es gut lief war es plötzlich wieder stumm und eine neue LED leuchtete auf am Modem: „connect“.

Eines Tages sitze ich so an meinem Highscreen PC mit angeschlossenem Star LC 24/10 Nadeldrucker und bin grad online. Ich lese so durch irgendein Brett (man musste mit diversen Tatstaturbefehlen arbeiten um z.B. Artikel zu lesen) das traf mich plötzlich etwas wie ein biblischer Blitz: irgendetwas schrieb plötzlich auf meinen Bildschirm – ohne dass ich die Finger an der Tastatur hatte! Es formulierte eine Frage und nach anfänglichem totalen Staunen wurde mir klar dass es mit mir sprechen wollte! „Es“ entpuppte sich als der Betreiber von Link-Lev und es war der erste Chat meines Lebens. Ich weiss noch genau wie ich nach der ersten Antwort völlig elektrisiert in den Nachbarraum gelaufen bin um meiner Freundin aufgeregt zuzurufen: „komm mal, komm mal – der Computer spricht mit mir!!“. Ganz ehrlich, das war der Hammer, sehr nahe an einem Erleuchtungserlebnis. Wahrscheinlich war der Betreiber von Link-Lev so ein abgehalfterter Loser in C&A Klamotten ohne Anschluss im realen Leben. Aber für mich war er einige Zeit etwas gottähnliches weil er mit mir digital sprechen konnte (wir taten es in den Folgetagen noch ein paar mal – es ging übrigens um eine Sammlung von Geldern weil er für die Mailbox eine unfassbar grosse 1GB Festplatte anschaffen wollte – ich meine die kostete damals etwa 1.000 Mark).

Später kam das Fido-Netz, erstes Raunen von einem „Web“ das ähnliche Funktionen wie die Mailboxen haben sollte (was man aber unbedingt zu meiden hatte) und dann noch ein gespenstischer Initiationsritus an der FH Köln um eine erste email-Adresse zu bekommen (man musste einen Unix-Kurs absolvieren und eine Prüfung machen). Aber nichts davon ist ehrlich gesagt herangekommen an dieses erste Interaktionserlebnis am Vobis-PC.

Ich habe oft darüber nachgedacht was daran eigentlich so faszinierend war. Ich glaube es waren vor allem zwei Aspekte. Zum einen eröffnete sich zweifellos plötzlich ein neuer Kosmos von Kommunikation und Interaktion – ganz wie @mspro es in seinem Artikel beschrieben hat. Sozusagen das Berlin in den Köpfen und auf meiner Tastatur. Zum anderen war und ist es der Traum vom Partner PC, vom mystischen Wesen das irgendwie Geheimnisse birgt und einen an andere Orte bringen kann, ein Eingang zu anderen Welten sozusagen.

So ist der 70er Jahrgang online gegangen Freunde.

Ach übrigens. Ich werde mich jetzt gleich über Bluetooth mit meinem handy einwählen und den Artikel hochladen.

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Eine Antwort zu “Mein erster Online-Kick – so ging der 70er Jahrgang online @mspro!

  1. ich mußte für meine erste email keinen unixkurs machen, sondern einen pro forma forschungsprojektantrag schreiben. irgendwie war dieses netz den unis damals nicht geheuer …

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