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Wie heute in spon zu lesen steht die einzige noch verbliebene vernünfitge Tageszeitung in SF, der Chronicle offenbar ganz kurz vor dem Aus.
Experiment in San Francisco: Bürger sollen den Zeitungstod stoppen – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Netzwelt.
Das finde ich unfassbar. Irgendwie nimmt diese Print-Krise langsam Ausmasse an die mir nicht mehr geheuer sind. Ich bin damit gross geworden dass man sich über „seine“ Zeitung definiert. Dass es selbstverständlich ist eine Zeitung abonniert zu haben. Dass man Zeitungsartikel im Deutschunterricht rauf und runter bespricht (deshalb habe ich leider bis heute eine Grundabneigung gegen die Süddeutsche wegen 100x Analysen des Streiflichts).
Sollte es wirklich dahin kommen dass grosse Tageszeitungen für immer verschwinden – auch in Deutschland? Ich befürchte davon sind wir auch nicht mehr weit entfernt.
Übringes gehörte zu dem obigen Zeitungs-Emanzipations-Prozess natürlich auch sich von der dämlichen Lokalzeitung irgendwann wegzubewegen zu taz und faz usw. (oder Handelsblatt…). Insofern könnte man sagen ist nicht so schlimm wenn die kleinen Lokalblätter kaputtgehen. Aber 1) habe ich selbst jahrelang den Allgäuer Anzeiger ausgetragen in meinem Heimatort und 2) tut mein Vater dies heute noch und 3) hätte er sonst nichts zu lesen am morgen. Also dürfen auch lokale Zeitungen nicht sterben.
Was mich aber vor allem beschäftigt ist die Frage was danach kommen soll? Kindle? Epaper? Oder Facebook und Konsorten?
Das was eine gute Tageszeitung ausmacht kann nicht mal annähernd durch diese „tools“ ersetzt werden, ich glaube das ist jedem klar.
Absurderweise hat dies meiner Ansicht nach vor allem mit dem störrischen Wesen der Zeitung zu tun im Zeitalter von permanent nach persönlichen Vorlieben vorgefilterter Facebook-Weichspülkost. Die Zeitung lehrt und erzieht und zeigt uns jeden Tag Dinge die wir nicht gesucht und auch nicht geahnt hätten. Sie klärt auf und sorgt für eine Breitensozialisation mit den Schützenvereinen (ja mann winnenden), Sportfesten und Kirchchorvorführungen. Sie geht unerwartet in die Tiefe und schafft es sogar eine Premierenbesprechung die 500km entfernt vor zwei Tagen stattfand lesenswert erscheinen zu lassen. Zeitung ist auch Macht, Gegenmacht und Transparenz, eine ständige Gefahr für Maggelei und Seilschaftentum. An Ihr reibt sich die lokale Intelligenz, die Möchtegernliteraten und Kleinkünstler.
Es darf einfach kein Zeitungssterben geben.
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Meine alltägliche Arbeit hat viel mit Behavioral Targeting zu tun – einer Technik um Leuten Werbung einzublenden passend zu Seiten die sie vorher besucht haben. Wir haben damals mehrfach überlegt ob man so eine friedliche Technik wirklich so nennen sollte weil ja „Targeting“ durchaus auch irgendwie militärischen Beigeschmack hat. Heute habe ich es erstmalig wirklich bereut dass wir es damals dennoch so belassen haben.
Muss nämlich in der FAZ von heute ein ekelhaftes Interview („Auch über Panzer nachdenken“) mit einem feist grinsenden Bruno Kasdorf lesen (das Bild von ihm ist nur in der Print-Version zu sehen) – einem deutschen ISAF-General. Ein Auszug:
„FAZ: Ist das sogenannte Targeting, gezieltes Ausschalten gegnerischer Kämpfer, ein Vorgehen der Isaf wievon OEF?
Kasdorf: Das gibt es in beiden Operationen. Das ist Teil des Targeting, das ist Teil der Operationsführung.
FAZ: Das heisst, dass man es in bestimmten Situationen nicht darauf ankommenlässt, dass man Personen gefangen nimmt, sondern es darum geht, sie zu töten.
Kasdorf: Es ist erstmal unser Ziel, die Personen gefangen zu setzen. Aberes kann natürlich auch durchaus sein, dass bestimmte Personen gezielt ausgeschaltet werden.“
(hier auch online auf faz.net)
Wo sind wir eigentlich hingekommen?
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Zitat heute von der Titelseite der FAZ, sozusagen der allererste Satz ganz links oben:
„BRÜSSEL, 6. Dezember. Die Bundesregierung will darauf achten, dass die von der europäischen Kommission geplante ‘Blue Card’ ihre Verantwortung für die Einwanderung nach Deutschland aushölt.“
Mensch Bundesregierung, welch späte Weisheit. Dass das Zusammenspiel mit der EU so lustig subversiv angelegt sein kann war mir bisher nicht klar…
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Habe heute in einem Gastkommentar im handelsblatt unter dem zugegebenermassen theatralischen Titel „Die Seele ausverkaufen: Nein“ ein Adorno Zitat aus den Minima Moralia untergebracht (Titel stammt nicht von mir). Man kann sich gar nicht vorstellen was das für mich bedeutet, also wie lange dieses Projekt jetzt lief. Habe Minima Moralia bestimmt vor zehn Jahren gelesen (nein, eher 15) und es hat mich geprägt wie kein zweites Buch. Sehe noch heute in meiner Ausgabe die hektischen Anstreichungen in unterschiedlichen Edding-Farben + Unterstreichung + Anmerkungen. Wahnsinn. Dann der ganze Marsch durch die Stationen (na ja), die Selbstaufgabe, das Fettwerden usw. Habe mich schon nicht mehr getraut das Buch aus dem Regal zu nehmen. Ein Coach hat mir dann mal empfohlen etwas zu nehmen was etwas weniger schroff die bestehende Wirklichkeit negiert, konkret „Empire“ von Negri (http://www.amazon.de/gp/product/3593372304). Negri hat mal den bewaffneten Aufstand in Italien propagiert – ist aber echt nicht lesbar. Also stick with Adorno. Und was schmeisst mir der Weltgeist da vor die Füsse? Facebook und die social ads. Ist ja auch wirklich so als hätte Adorno von drüben noch die Fäden in der Hand und würde sich amüsieren…
Anyway, Handelsblatt, danke für alles. FAZ wäre noch schöner gewesen, aber was solls.
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Ich weiss nicht wie es Euch geht, aber ich bin jahrelang im sicheren Wissen grossgeworden, dass die FAZ ein rechtes Scheissblatt ist. Schon allein diese altdeutsche Frakturschrift und das ganze superkonservative Auftreten und so. Aber auch generell war einfach klar: wer die FAZ liest gehört zum anderen Lager.
Jahrelang taz abonniert usw., dann auch mal Berliner Zeitung und andere Experimente (nein, FR konnte ich noch verhindern) und am Ende bin ich gelandet bei der: FAZ
Ich glaube es stimmt sogar dass man mit den Jahren häufig ein bisschen konservativer wird usw. – wobei sich das bei mir (hoffentlich) einigermassen in Grenzen hält. Die Sprüch die ich bei meiner Tochter manchmal bringe sind schon finsterstes Mittelalter des Konservativismus, aber das hat eher mit Ihrer Scheiss-Pubertät zu tun, na ja.
Jedenfalls zur FAZ ist zu sagen: die ist nicht rechts, im Prinzip noch nicht mal konservativ wenn man sie mal ernsthaft liest, ehrlich. Heute (29.11.) ist wieder ein schönes Beispiel:
- Artikel über the national im Feuilleton auf S. 38 sonic youth artiger Erwachsenen-Pop
- „Die eigenartige Karriere des umtriebigen Dr. Boll“ über den Produzenten Boll der sich schon mehrfach mit Kritikern im Boxring getroffen (und stets gesiegt hat). „Und seine Filme atmen immer einen Hauch von William Blake – schwarz und pessimistisch, voller Leidenschaft. Einem Schlingensief nicht ferner als einem Eichinger – in seinem Inneren ein Anarchist.“
- das Feuilleton wird heute eröffnet mit dem Artikel „Muhabbet weiß, was er sagt“, geschrieben von Esther Schapira, der Regisseurin des Films „Der Tag als Theo van Gogh ermordet wurde“ in dem sie gegen die Steinmeiersche appeasment Politik gegenüber islamistischen Bestrebungen anschreibt
- ein weiterer Teil der Serie „FAZ bashed die GEZ“ mit einem Interview einer ehemaligen GEZ-Mitarbeiterin die die Arbeitsmethoden der GEZ darlegt
- das krasseste heute war allerdings: auf Seite 10 (also im ersten Teil!) ein ganzseitiger Artikel über die Vorteile des „Erziehungsgehalts für alle“, verfasst von Christa Müller, der familienpolitischen Sprecherin der Linken und Frau von Oskar Lafontaine
Das soll eine rechtskonservative Zeitung sein??
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Dafür liebe ich die FAZ: Heute in Technik und Motor wird (mit Bild) ein Reitsimulator von Panasonic besprochen. Ist in der Online-FAZ gar nicht zu finden, schade eigentlich. Jetzt denken natürlich viele: klar, so ne Art Produkt-Kalkofe hat ja jede Zeitung wo skurille Produkte durch den Kakao gezogen werden. Nein, nein – weit gefehlt. Das Ding wird wirklich besprochen, der Autor hat es zum Ausprobieren sogar nach Hause bestellt. Es wird ausfürhlich beschrieben mit wievielen Motoren die typischen Bewegungen des Pferdes nachgeahmt werden.
„Der angenehm ruhige Trainingsverlauf prädestiniert den Joba für den täglichen Einsatz, auch nebenbei etwa beim Fernsehen.“
Ist das bitte eine geile Vorstellung! Auf dem Joba sitzend mit mehreren Elektromotoren unter dem Arsch ins Fernsehprogramm reinreiten. FAZ ihr seid grossartig!
Aber im Ernst: DAS ist serendipity!
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